Das große heft dresden. Berliner Theatertreffen

Im Staatsschauspiel Dresden: Das große Heft

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Aus der französischen Übersetzung von Eva Moldenhauer destilliert sich Rasche gemeinsam mit dem Chorleiter Alexander Weise in bewährter Weise eine eigene Spielfassung — direkt aus dem Heft, in dem die selbstlernenden und gottlosen Jungs ihre Erlebnisse in der ihnen eigenen Sprache, also ohne jede Gefühlswelt zitieren, und als gleichförmiges kraftvolles Stakkato vortragen. Ein düsteres Werk, voll Gewalt und sexuellen Obsessionen, in kühler behavioristischer Erzählkunst vorgetragen. Kein Schrei lässt Platz für Trost. Rasches Inszenierung ist ein Gesamtkunstwerk aus Spiel, Bildern und Rhythmus, das zu erschüttern weiß. Unablässig laufend bewegen sie sich in verschiedenen Kombinationen auf dieser Bühne. Es ist ein langer Theaterabend am Dresdner Staatsschauspiel, doch der Zuschauer bereut kaum eine Minute dieser — auch fordernden — vier Stunden. Man sollte unbedingt Verträge für weitere Stücke mit dem Regisseur machen.

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„Das große Heft“

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Manche sagen: Es riecht nach Rammstein. Sie kommen aus der großen Stadt, die bombardiert wird. Und nun: Schaut Euch um, entdeckt, genießt und lasst Euch anregen von der Fülle an Kulturgewächsen. Diesen dreieinhalbstündigen Abend sollte man sich unbedingt antun. Die Großmutter, arm, schmutzig, verwahrlost, ist feindselig, lässt die Jungen schuften, schlägt sie und unterschlägt Briefe und Pakete der Mutter. Einen guten Teil des bleibenden Eindrucks liefert Videoartist Philip Bußmann mit zwei Liveübertragungen der trabenden nackten Oberkörper nach der Pause.

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KULTURA

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Dieser Abend ist eine Zumutung. Insgesamt sieben junge Herren des Ensembles, dazu fünf Studenten und vier andere Gastspieler — acht Paare, die ständig in Bewegung ihre Befindlichkeit laut und simpel artikulieren. Kristófs Kniff mit dem Zwillingspaar lässt einen furchtbaren, authentisch wirkenden Kriegskinderroman aus den 1980er-Jahren entstehen, der nun nicht zum ersten Mal auf die Theaterbühne kam. Das Bild einer wohlbehüteten Kindheit lassen sie dabei weit hinter sich und werden zu erbarmungslosen jungen Erwachsenen, die über Leichen gehen. Das ist eine gute Übersetzung, erzählt Ágota Kristófs Roman die Geschichte doch als schriftlichen Bericht der Zwillinge. Insgesamt 16 überwiegend junge Schauspieler agieren mit den Zwillingen, mal in schwarzen Sachen wie Schatten Toter, Trauernder und Anklagender, mal wilde Meute und mit freiem Oberkörper, übergroß, verwegen und muskelgestählt in einer Reihe marschierend, im heißen Badedampf schwelgend und später im Gasnebel verschwindend, ringen sie mit- und gegeneinander auf zwei Drehbühnen im Halbdunkel und grellen Scheinwerferlicht und auf eine Videoleinwand projiziert.

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Liegt auf der Hand, dass es sich um nichts Konventionelles handelt. Pathos und Kälte stehen — wie im Roman — ungewöhnlich eng beieinander. Der durchgehend synchrone Sprechchor ist geprägt von einer sprachlich klugen Exzellenz. Ulrich Rasches Regiestil mit den erbarmungslos vor sich hin ratternden Maschinen und den verzweifelt kämpfenden, schwitzenden Menschen, die sich dagegen so klein ausnehmen, passt hervorragend zu den düsteren, knappen Sätzen aus Ágota Kristófs dystopischem Roman über Zwillinge im Krieg. Ihre Mutter stirbt durch eine fehlgeleitete Granate just in dem Moment, in dem sie die Knaben abholen will, zur Flucht in das Land ihres neuen Mannes, eine kleine Schwester ist auch schon da. Dass es die Zwillinge von den mal mehr und mal weniger geneigten rotierenden Scheiben, die hier die Welt bedeuten, herunterwirft, ist das Letzte, was man angesichts deren sich schnell einstellender Abgeklärtheit erwarten würde. Weil diese Scheiben sich ihrerseits in der Grundausrichtung drehen lassen, wird eine vielfältige Bühne möglich, wo mal eine, mal beide Scheiben als Spielflächen zur Verfügung stehen.

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Das große Heft, nach dem Roman von Ágota Kristóf Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer in einer Fassung von Ulrich Rasche und Alexander Weise

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Gemeinsam rezitieren sie Kristofs Romantext. Rasche vermeidet viele dieser Klippen, sein Stück ist klug eingedampft aus der ohnehin schon kargen Handlung des Buches, Nebenfiguren wie der Adjutant, der Briefträger und der Polizist sind gestrichen, auch Schlaganfall und Tod der Großmutter kommen nicht vor. Viel Beifall und Bravos für einen einige Überwindung kostenden, jedoch reichlich bewegenden Theaterabend, den man nicht so schnell vergisst. Text lv Ein Abend der berührt, schockiert, betroffen und nachdenklich macht. Sie betteln, hungern, schlachten, stehlen, töten, stellen sich taub, blind, üben sich in Bewegungslosigkeit. Selten ist Theater so bewegend, in der Darstellung menschlicher Ambivalenz, so unmittelbar im Mitfühlen.

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große am Schauspiel Dresden

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Ulrich Rasches Regiestil mit den erbarmungslos vor sich hin ratternden Maschinen und den verzweifelt kämpfenden, schwitzenden Menschen, die sich dagegen so klein ausnehmen, passt hervorragend zu den düsteren, knappen Sätzen aus Ágota Kristófs dystopischem Roman über Zwillinge im Krieg. Januar 2019 hat die Theatertreffen-Jury die Auswahl für das 56. Jedes dieser Worte ist ein Schrei. Nicht nur technisch werden hier sehr große Räder gedreht. Besonders in der zweiten Hälfte, wenn die Brüder von Szenen sexueller Gewalt in ihren kalten protokollarischen Sätzen berichten und die jungen Männer sich dabei immer weiter gehend die Arme um die entblößten Schultern legen, ist dies von bedrängender Intensität und Intimität.

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